Biohacking soll das Leben leichter machen – nicht komplizierter
Biohacking ist eines der großen Wellness- und Gesundheitsthemen unserer Zeit. Doch geht es dabei wirklich nur um Smartwatches, Eisbäder, Hightech-Gadgets oder ausgeklügelte Selbstoptimierungspläne?
Kleine Veränderungen im Alltag können schon Großes für das eigene Wohlbefinden bewirken: mehr Energie, besserer Schlaf, weniger Stress. Was ist dran an einfachen Biohacks im Alltag und wie werden daraus moderne Wellnesskonzepte und Gesundheitsangebote.
Darüber hat Arne Mellert, Geschäftsführer der Wellness Stars Deutschland GmbH mit Markus Spettel, Geschäftsführer der Kur- und Bäder GmbH Bad Dürrheim, gesprochen.
Herr Spettel, der Begriff „Biohacking“ ist momentan überall präsent. Wie würden Sie ihn definieren?
Für mich bedeutet Biohacking vor allem, den eigenen Körper besser kennenzulernen. Viele denken sofort an Hightech oder extreme Selbstoptimierung, aber ich glaube, Biohacking beginnt oft bei ganz einfachen Dingen. Es geht darum, mit kleinen, gezielten Veränderungen das Wohlbefinden zu verbessern und die eigene Gesundheit positiv zu beeinflussen. Dazu gehören guter Schlaf, Bewegung, Ernährung, Kälte- und Wärmereize, Atemübungen oder auch mentale Routinen. Der Begriff setzt sich ja aus „Bio“ – also der menschlichen Biologie – und „Hacking“ im Sinne von Entschlüsselung zusammen. Im Kern geht es darum, den eigenen Körper bewusst zu beobachten, ihn besser zu verstehen und daraus die richtigen Schlüsse für den Alltag zu ziehen.
Viele verbinden Biohacking sofort mit Selbstoptimierung. Sehen Sie das auch so?
Nicht in erster Linie. Natürlich möchten viele Menschen ihre Gesundheit verbessern, aber für mich geht es eher um Bewusstsein als um ständige Optimierung. Technische Hilfsmittel können interessante Hinweise liefern, aber entscheidend ist nicht das Messen selbst, sondern was man daraus macht. Biohacking sollte den Alltag leichter machen und nicht zusätzlichen Druck erzeugen. Meditation, bewusste Atmung, Bewegung oder Kältereize können genauso wirkungsvoll sein wie jedes Gadget. Es muss weder kompliziert noch extrem sein.
Wo sehen Sie die Gemeinsamkeiten zwischen Wellness und Biohacking?
Ich glaube, beide verfolgen im Grunde dasselbe Ziel: Menschen sollen sich körperlich und mental besser fühlen. Wellness schafft den Raum für Regeneration, Entspannung und bewusste Auszeiten. Biohacking ergänzt diesen Ansatz durch Routinen und – wenn man möchte – durch messbare Erkenntnisse. Wellness stärkt oft den Moment, Biohacking zielt etwas stärker auf langfristige Veränderungen ab. Aber im Kern geht es bei beidem um mehr Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität.
Foto: HKM GmbH
Welche klassischen Wellnessanwendungen würden Sie als natürliche Biohacks bezeichnen?
Eigentlich viele von denen, die seit Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten bewährt sind. Sauna ist ein gutes Beispiel, weil sie mit Wärmereizen arbeitet. Kneipp-Anwendungen setzen gezielt Kältereize ein. Dazu kommen Bewegung in der Natur, bewusste Atmung, ein regelmäßiger Schlafrhythmus und mentale Entspannung. Wenn man es genau nimmt, steckt in vielen klassischen Wellnessangeboten bereits eine Form von Biohacking.
Wie hat sich das Verhalten der Wellnessgäste in den letzten fünf bis zehn Jahren verändert?
Das merken wir deutlich. Früher stand häufig die kurzfristige Entspannung im Mittelpunkt: ein Wellnesswochenende, einmal im Jahr abschalten und die Seele baumeln lassen. Heute möchten viele Gäste zusätzlich verstehen, wie sie besser schlafen, Stress reduzieren oder ihre Energie langfristig verbessern können. Sie suchen nicht nur Erholung, sondern auch Impulse, die sie mit nach Hause nehmen und in ihren Alltag integrieren können. Genau hier können Wellnessbetriebe wichtige Impulsgeber sein.
Gibt es dabei Unterschiede zwischen den Generationen?
Das Interessante ist: Die Themen sprechen eigentlich alle Generationen an. Atemworkshops, Eisbaden, Schlafregeneration, Stressbewältigung oder Ernährung interessieren Menschen Mitte 20 genauso wie Gäste über 60. Der Unterschied liegt weniger im Interesse als in der Sprache. Mit Begriffen wie „Kurort“, „Heilmittel“ oder „Bad“ erreicht man jüngere Menschen oft nicht mehr so gut. Wenn man dieselben Inhalte modern und verständlich vermittelt, entsteht plötzlich ein neuer Zugang.
Wie können Wellnessbetriebe wissenschaftlich fundierte Gesundheitsangebote schaffen, ohne dass das eigentliche Wellnesserlebnis verloren geht?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Wissenschaft, Tracking und Analyse sollten Orientierung geben, aber niemals das Erlebnis dominieren. Mein Ansatz wäre immer: erst erleben und genießen, dann – wenn Interesse da ist – erklären, was dahintersteckt. Eine Sauna soll sich zuerst gut anfühlen. Dass man zusätzlich etwas über ihre Wirkung auf Regeneration oder Stressreduktion erfährt, kann das Erlebnis bereichern, aber nicht ersetzen. Viele bewährte Angebote sind ja bereits vorhanden: Sauna, Waldbaden, Atemübungen, Kälteanwendungen. Man kann ihre Wirkung verständlicher und fundierter vermitteln, ohne dass Erholung und Genuss verloren gehen.
Wo sehen Sie für Wellnessbetriebe die größten Chancen?
Vor allem in den Bereichen Schlaf, Stressregulation, Regeneration, gesundes Älterwerden und Longevity. Die Chance liegt darin, individuelle und alltagstaugliche Programme anzubieten, die zur Region und zur eigenen Kompetenz passen. Ein Wellnessaufenthalt sollte nicht nur ein schönes Wochenende sein, sondern ein Startpunkt für gesunde Routinen, die den Gast auch zu Hause begleiten.
Bedeutet das auch eine stärkere Bindung der Gäste?
Absolut. Ein Betrieb kann zu einer echten Anlaufstelle für langfristige Gesundheit werden. Wenn Gäste nicht nur Entspannung, sondern auch konkrete Impulse für ihren Alltag mitnehmen, entsteht eine viel tiefere Beziehung. Man begleitet Menschen idealerweise über viele Jahre hinweg. Genau darin sehe ich auch eine große Chance für die Zukunft.
Wellnessbetriebe haben dabei wahrscheinlich auch eine hohe Glaubwürdigkeit, oder?
Ja, das ist aus meiner Sicht ein großer Vorteil etablierter Betriebe. Viele Häuser haben sich über Jahre oder Jahrzehnte eine echte Kompetenz aufgebaut. Das gilt besonders auch für Heilbäder und Kurorte. Wir arbeiten seit langer Zeit mit natürlichen Gesundheitsressourcen – Kälte, Wärme, Heilwasser, Klima, Bewegung und Atmung. Diese Erfahrung schafft Vertrauen. Wichtig ist jetzt, diese Kompetenz weiterzuentwickeln, wissenschaftlich fundierter zu vermitteln und in eine moderne Sprache zu übersetzen.
Sie haben vorhin von der „DNA“ eines Betriebs gesprochen. Was meinen Sie damit?
Jeder Betrieb sollte sich fragen: Was passt wirklich zu uns? Wo liegen unsere Stärken? Bei uns in Bad Dürrheim haben wir uns bewusst für die Bausteine der Kälte und Atmung entschieden. Wir arbeiten nur ergänzend mit technischen Gadgets. Unsere Kernkompetenz liegt in: Kälte, Atmung, Bewegung, Ernährung und mentale Gesundheit. Darauf bauen wir auf.
Ist Biohacking für Sie ein kurzfristiger Trend?
Nein, das glaube ich nicht. Der Begriff wird sich vielleicht verändern, aber das Grundprinzip bleibt bestehen. Menschen möchten ihre Gesundheit aktiver mitgestalten und Angebote stärker an ihre individuellen Bedürfnisse anpassen. Ich erwarte in Zukunft mehr Personalisierung, mehr digitale Unterstützung – und gleichzeitig eine Rückbesinnung auf einfache Methoden wie Schlaf, Bewegung, Atmung und Natur.
Welche Biohacks können Gäste schon während eines zweitägigen Wellnessaufenthalts ausprobieren?
Ich würde mit sehr einfachen Dingen beginnen. Morgens möglichst früh nach draußen gehen und Tageslicht tanken, sich leicht bewegen und bewusst ohne Smartphone in den Tag starten. Abends helfen gedämpftes Licht, eine kurze Atemübung und ein ruhiger Übergang in den Schlaf. Als konkrete Erlebnisse würde ich Waldbaden und Eisbaden empfehlen. Das eine stärkt die Naturwahrnehmung, das andere setzt gezielte Kältereize und fordert auch mental heraus.
Schlaf, Stress und Energie sind für viele die größten Baustellen im Alltag. Welche Maßnahmen haben aus Ihrer Erfahrung den größten Effekt?
Das ist natürlich immer individuell. Genau darum geht es beim Biohacking: herauszufinden, was einem persönlich guttut. Trotzdem gibt es einige Grundlagen, die für viele Menschen hilfreich sind: eine möglichst konstante Aufstehzeit, Tageslicht am Morgen, regelmäßige Bewegung und kurze bewusste Atempausen. Auch positive innere und äußere Kommunikation spielt aus meiner Sicht eine größere Rolle, als viele denken. Oft sind es eben nicht die spektakulären Maßnahmen, sondern die konsequent umgesetzten Routinen, die langfristig den größten Effekt haben.
Wenn Sie drei alltagstaugliche Biohacking-Tipps nennen müssten – welche wären das?
Erstens: morgens Tageslicht tanken. Zweitens: tägliche Bewegung, selbst wenn es nur ein Spaziergang ist. Drittens: bewusste Atmung und eine positive Kommunikation – sowohl mit sich selbst als auch mit anderen. Und ganz wichtig: Die Regelmäßigkeit wirkt oft stärker als jede große Optimierungsmethode.
Braucht Biohacking also keine teuren Gadgets?
Nein. Viele der wirkungsvollsten Methoden sind kostenlos: Atmung, Bewegung, Schlaf, Natur und Kältereize. Technik kann motivieren und Daten liefern, aber sie ersetzt keine gesunden Gewohnheiten. Der beste Tracker bringt nichts, wenn aus den Daten keine sinnvolle Veränderung entsteht.
Sie haben im Gespräch auch die Interpretation von Daten angesprochen.
Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Daten allein sagen oft noch wenig aus. Man kann sie falsch interpretieren und sich dadurch sogar unnötig verunsichern. Deshalb braucht es immer den Blick auf den ganzen Menschen: Wie fühle ich mich? Wie leistungsfähig bin ich? Wie schlafe ich? Wie ist mein Alltag? Technik kann unterstützen, aber sie sollte nicht die alleinige Wahrheit werden.
Haben Sie persönlich Biohacks, die Sie fest in Ihren Alltag integriert haben?
Ja, bei mir ist das ganz klar die bewusste Atmung. Gerade an stressigen Tagen helfen mir ein oder zwei Minuten bewusstes Ein- und Ausatmen enorm. Das kann sogar am Schreibtisch passieren. Anfangs muss man sich daran erinnern, aber mit der Zeit wird es zu einer echten Routine. Ich versuche dabei übrigens nicht, alles perfekt zu machen. Es geht mir eher darum, in den passenden Momenten bewusst runterzufahren und auf mich selbst zu hören.
Wo liegt für Sie die Grenze zur übertriebenen Selbstoptimierung?
Die Grenze ist erreicht, wenn Leichtigkeit und Lebensfreude verloren gehen. Biohacking sollte helfen, länger gesund und glücklich zu leben – nicht zusätzlichen Druck erzeugen. Wenn alles nur noch zum Leistungsprojekt wird, kippt es ins Gegenteil. Ein bewusst genossenes Glas Wein oder ein entspannter Abend ohne Optimierungsanspruch können genauso Teil eines gesunden Lebens sein. Entscheidend ist die Balance.
Das heißt, auch Genuss darf dazugehören?
Unbedingt. Ich glaube, genau das ist wichtig: bewusst genießen, ohne schlechtes Gewissen. Wenn der Druck überwiegt und man nur noch Zahlen, Kalorien oder Leistungswerte im Kopf hat, verliert das Ganze seinen eigentlichen Sinn. Gesundheit braucht aus meiner Sicht immer auch Lebensfreude.
Gibt es zum Abschluss noch etwas, das Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben möchten?
Vielleicht nur diesen Gedanken: Biohacking muss nichts Spektakuläres sein. Viele Menschen suchen nach der perfekten Methode, dem perfekten Plan oder dem neuesten Gadget. Dabei beginnt oft schon sehr viel mit einfachen Dingen: gut schlafen, sich bewegen, bewusst atmen, Zeit in der Natur verbringen und freundlich mit sich selbst umgehen. Wenn man damit anfängt und diese Dinge regelmäßig in den Alltag integriert, hat man aus meiner Sicht schon einen sehr großen Schritt für die eigene Gesundheit getan.
Herr Spettel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Über uns
Seit 2004 testen und bewerten unsere geschulten Prüfer das aktuelle Wellnessangebot von Hotels, Thermen und Resorts in Deutschland getreu unserem Leitsatz: „Wir prüfen. Sie entspannen.“ Über die Wellness Stars
Wellness-Angebote
Lassen Sie sich von den ausgewählten Wellness-Angeboten unserer geprüften Wellnesshotels und Thermen zu einem Kurzurlaub inspirieren! Zu den Angeboten